Dies ist der zweite und letzte Teil der Interviewreihe mit Frédéric Martin. Wenn Sie den ersten Teil verpasst haben, dann finden Sie ihn hier: „CATIA 3DEXPERIENCE und Trends in Design und Fertigung (Teil 1 von 2).

JG: Systems Engineering ist ein leistungsfähiges Konzept zur Reduzierung von Vorlaufzeiten bei gleichzeitiger Verbesserung von Leistung und Qualität. Welche Branchen sind die ersten, die dieses Konzept innerhalb der 3DXEXPERIENCE anwenden und was können wir von ihnen lernen?

FM: Die führenden Branchen sind die Automobil- und die Luftfahrtindustrie. Dassault Systèmes arbeitet immer eng mit Partnern zusammen, um neue Lösungen zu entwickeln. Der Bereich Systems Engineering ist da keine Ausnahme. Die Early Adopter von Systems Engineering – entweder im Bereich der Mechatronik oder bei der eingebetteten elektronischen Architektur (Embedded Electronic Architecture) oder der Systemarchitektur – stammen aus diesen beiden Branchen und diverse führende OEMs haben Pilotsysteme in der Produktion.

Die Vorteile sind eindrucksvoll und diese Lösungen sind neue Unterscheidungsmerkmale. Hierbei ist es wichtig, zu erwähnen, dass Komplexitätsmanagement Innovationen hemmen kann. Die wirkliche Herausforderung besteht in der Fähigkeit, Anforderungen zu managen, strukturierte und unstrukturierte Zusammenarbeit zu unterstützen und der Kreativität freien Lauf zu lassen.

JG: Wie sind die Kundenerfahrungen von Dassault Systèmes in Bezug auf die Leistung der 3DEXPERIENCE bei großen Baugruppen im Vergleich zu V5?

FM: Wir können in der 3DEXPERIENCE wesentlich größere Baugruppen und Objekte handhaben als in V5. Dies ist der Mehrwert, den die V6-Architektur bietet. Und die Grenzen sind dabei noch nicht erreicht. Ich würde sagen, je mehr wir die 3DEXPERIENCE-Plattform verwenden, desto weiter werden die Grenzen verschoben. Ein Kunde setzt die 3DEXPERIENCE beispielsweise ein, um Schiffe mit mehr als 10 Millionen Komponenten zu bauen. Zugriff auf ein vollständig digitales Versuchsmodell eines Schiffes zu haben und so 200 Kilometer Rohrleitungen, 2000 Kilometer Kabel und 30000 elektronische Sensoren zu handhaben, ist ein echter Durchbruch.

JG: Wenn man es also schafft, sehr große Baugruppen und Objekte effektiv zu handhaben, wird das wohl auch Auswirkungen auf mittelgroße haben

FM: Ja. Genau. Bis vor ein paar Jahren konnten wir aus Branchen wie Energieversorgung, Prozesstechnik und Versorgungswirtschaft oder der Baubranche kein großes Interesse am Product Lifecycle Management feststellen. Jetzt aber, angesichts der zunehmenden Komplexität durch verknüpfte Objekte, nachhaltige Entwicklung, Verantwortung für die Umwelt und Rückverfolgbarkeit, sehen wir ein starkes Interesse von Seiten vieler potenzieller Neukunden, die getrieben werden von Innovation und dem Willen, ebenfalls von Lösungen zu profitieren, die in anderen Branchen zum Einsatz kommen. Durch die Power von 3DEXPERIENCE können solche Unternehmen jetzt auf einfache Weise von den neuen Fähigkeiten einer integrierten Plattform profitieren, die intelligentes Dash Boarding, smartes Projektmanagement und neue Ingenieursdienstleistungen ermöglicht.

Wir sehen daher in diesen Branchen ein großes Potenzial für die Zukunft. Wir haben mehrere Prototypen bei wichtigen Unternehmen im Einsatz – auf der 3DEXPERIENCE Plattform – und die ersten Erfahrungen sind faszinierend.

JG: Welches wären Ihre 3 wichtigsten Empfehlungen für heutige CATIA V5-Benutzer? Wie können diese sich auf CATIA V6 und 3DXEPERIENCE vorbereiten und auf welche Weise sind diese Tools bestmöglich einzuführen?

FM: Meine erste Empfehlung wäre, sehr präzise die wichtigsten Herausforderungen für das Unternehmen und die Topprioritäten zu definieren. Meine zweite Empfehlung wäre, nach schnellen Gewinnen zu streben. Alle wollen kurzfristige Vorteile sehen. Meine dritte Empfehlung wäre, stets sicherzustellen, dass die Benutzer auch wirklich von diesen schnellen Gewinnen profitieren. Wir fordern von den Benutzern erhebliche Anstrengungen, um ihre Arbeitsweise zu verändern. Diese sehen aber im Rahmen ihrer täglichen Arbeit nur selten die Früchte dieser Anstrengungen. Investitionen in das Änderungsmanagement und die Einbindung der wichtigsten Benutzer, um Änderungen voran zu treiben, sind die Schlüsselfaktoren für Änderungen in Unternehmen und die Transformation von Prozessen.

JG: Was ist die richtige Vorgehensweise bei Kunden, die andere PLM-Systeme einsetzen, um diese davon zu überzeugen, zukünftig auf CATIA 3DEXPERIENCE zu setzen? Wie bringt man diesen Kunden die Vorteile von 3DEXPERIENCE nahe?

FM: Ein solcher Wechsel der PLM-Systeme ist eine echte Chance für Kunden, um sich an bereits erfolgte Veränderungen anzupassen und sich zukünftigen Herausforderungen zu stellen. Sehr häufig werden besondere Evaluierungen und Benchmarks eingesetzt, um zu replizieren, was in der Vergangenheit getan wurde und nicht dafür, sich auf die Zukunft vorzubereiten. Die meisten unserer Kunden sind in ihrem jeweiligen Bereich Branchenführer und wollen auch weiterhin technologisch führend bleiben. Sie müssen sich also mit der Konkurrenz auseinandersetzen und sich mit neuen Produkten beschäftigen, die in den nächsten 5 bis 10 Jahren auf den Markt kommen werden.

Aus der Perspektive des Benutzers gesehen wurde uns klar, dass wir junge Ingenieure überzeugen und intuitive Lösungen liefern müssen. Lösungen, die einfacher einzusetzen sind und während der gesamten Dauer der Produktentwicklung verwendet werden können. Alle professionellen Benutzer arbeiten jetzt mit Tablets, iPhones und anderen Geräten auch zuhause und erwarten, ihre CATIA-Sitzungen am Arbeitsplatz problemlos auf jeder Art von Endgerät fortsetzen zu können.

JG: Simulation ist ein weiteres bedeutendes Thema – worin bestehen die Hauptvorteile bei der Nutzung einer in CATIA eingebetteten Lösung?

FM: Eine der Schwierigkeiten bei Verwendung unterschiedlicher Tools besteht darin, dass Daten konvertiert werden müssen, was zeitaufwändig ist und zu Fehlern bei der Konvertierung führen kann. Seit CATIA V5 ist einer der wichtigsten Vorteile von CATIA die enge Integration mit SIMULIA und Analysetools. Kürzlich haben wir mithilfe der 3DEXPERIENCE Plattform die Fähigkeiten des CATIA-Modellierers erweitert, um die Interoperabilität bei Design/Simulation auf ein ganzes neues Niveau zu heben. Cloud-Lösungen bringen diese Möglichkeit nun auch für kleine und mittlere Unternehmen auf eine neue Ebene.

JG: Welche Meinung haben Sie zur Fusion von Technia und Transcat aus der Sicht von Dassault Systèmes und aus der Perspektive der Kunden?

FM: Meine Meinung ist – ich kannte Technia und Transcat ja bereits zuvor – dass beide großartige Unternehmen mit großartigen Managern und Teams waren. Ich denke daher, dass die Fusion ein großartiger Schachzug war. Vorher war mir gar nicht klar, wie gut sich diese beiden Unternehmen ergänzen.

Aus der Kundenperspektive sehe ich enorme Vorteile. PLM ist äußerst komplex und es gibt nur wenige Beratungsfirmen für Ingenieursdienstleistungen, die wie Technia in der Lage sind, dessen Wert auf der Ebene der Entwicklung, der Fertigung, der Simulation und der Plattform wirklich zu verstehen und auch umzusetzen. Dies ist für mich innerhalb der Branche ein Alleinstellungsmerkmal und jetzt habt ihr eindeutig die kritische Größe erreicht, um eure Leistungen weiteren und größeren Kunden anzubieten.

JG: Vielen Dank für ein weiteres tolles Gespräch! Zum Abschluss schlage ich eine kleine Challenge mit Fotos von unseren Lieblingssportarten vor…

Über die Interview-Parter

Jonas Gejer exploring high mountains to the left, and Frédéric Martin canoeing to the right.

Jonas Gejer erkundet links die hohen Berge und rechts fährt Frédéric Martin Kanu

Den ersten Teil der Interviewreihe mit Frédéric Martin finden Sie hier: „CATIA 3DEXPERIENCE und Trends in Design und Fertigung (Teil 1 von 2).Kontaktieren Sie uns, wenn Sie Fragen haben.

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